Die besten Geschichten von Edgar Allan Poe

Originaltitel: Complete stories and poems of Edgar Allan Poe
Autor: Edgar Allan Poe (Auswahl von Mary Hottinger)
Genre: Horror/Thriller
Umfang: 265 Seiten
Veröffentlichung: 1985
Verlag: Diogenes

Rezension

Edgar Allan Poe steht für düstere Werke, die sowohl Literatur als auch Filmwelt bis heute beeinflussen. Er schrieb einen Roman, Schauergeschichten, Detektivgeschichten und Gedichte. Am Wichtigsten erscheinen die kurzen Geschichten, von denen Mary Hottinger die ihrer Meinung nach besten in diesem Sammelband veröffentlicht hat.

Hottinger beschreibt in der Einführung ziemlich treffend, was Poes Werk so essentiell macht. Es sind Ängste und Gedanken die er beschreibt, welche die meisten Menschen plagen müssten. Auch nach der schattenspendenden Erfahrung des Zweiten Weltkrieges seien diese Ängste immer noch präsent – die „Schrecken der Seele“ würden von Poe offengelegt. Er ist zwar nicht der einzige, der sich mit dieser Thematik auseinandersetzt, aber einer der ersten und vielleicht sogar der beste.

Die erste und wohl auch eine der bekanntesten Geschichten ist „Der Untergang des Hauses Usher“. Dass diese Geschichte mehrfach Erwähnung findet und verfilmt wurde, verwundert nicht; Hier wird man in das finstere Werk Poes so rasant hineingeworfen, dass man sich schwer aus seinen Fängen befreien kann. Die eben angesprochenen Themen werden hier gnadenlos aufbereitet – das typische Wesen von Poe, die ständige Grenzwanderung zwischen Wahnsinn und Genie findet auch in seinen weiteren Geschichten Eingang.

„Grube und Pendel“ spielt konstant mit der Angst vor einem grausamen Tod, ebenso wie „Die Maske des Roten Todes“. Nicht nur wird hier die grässliche Geschichte des mittelalterlichen und frühmodernen Europas behandelt. Man windet sich über Seiten in der Agonie der Protagonisten, dass man trotz inflationärer Splattergeschichten von heute auf einmal wieder eine kindliche Angst vor dem Tod entwickelt. Makaberer wird es bei „Das Faß Amontillado“ und die „Schwarze Katze“. Wie auch in folgenden Geschichten geht es hier um Trunksucht und Kontrollverlust. Anders beispielsweise ist die Geschichte „William Wilson“, bei der der verschlagene Protagonist von seinem besseren Alter Ego punktuell besucht und in den Wahnsinn getrieben wird.

So geht es weiter, wobei angemerkt werden muss, dass die letzten drei Geschichten reine Krimis sind und sich von den vorhergehenden Schauergeschichten unterscheiden.

Die Liste, welche Themen Poe in den gesammelten Geschichten anspricht, ließe sich ewig weiterführen. Wichtig aber ist, dass so gut wie jeder Leser seine eigenen Gefühle und Gedanken in zumindest einigen Geschichten wiederfinden dürfte.

Natürlich exkludiert Poe damit auch eine große Menge an potentiellen Lesern. Manche Kapitel kann man einfach nicht geniessen, weil sie nicht zur eigenen Situation passen. Aber das lässt sich in Kauf nehmen, denn die Geschichten, mit deren Thematik man sich selbst identifizieren kann, fesseln umso mehr.

Poe hat eine enorme Bandbreite an intelligenten und innovativen Geschichten geschrieben. Dass er so früh starb ist tragisch, eine derartige Schaffenskraft besaß dafür umso erstaunlicher. Seine Geschichten sind nicht immer vergnüglich, ermöglichen aber immer den Blick auf eine zutiefst geplagte Seele, die von Perfektionismus und Selbstwut getrieben wurde. Jeder Leser wird sich in der ein oder anderen Geschichte selbst wiederfinden und von dem wahnsinnigen Schreibstil beeindruckt sein. Das ist anspruchsvoller Horror in Reinform!

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