Die Farbe aus dem Raum

Originaltitel: The Colour Out of Space
Autor: H. P. Lovecraft
Genre: Horror / Thriller
Umfang: 407 Seiten
Veröffentlichung: 1990
Verlag: Das Neue Berlin

Rezension

Die Farbe aus dem Raum ist eine ausgesprochen tiefe und schwere Zusammensetzung von Geschichten Lovecrafts. Dass ausgerechnet sie hier rezensiert wird, hat keinen besonderen Grund. Man wird ebenso mit anderen, neueren Sammelbänden zufrieden sein. Wichtig ist die Betrachtung der Traum- wie Horrorgeschichten Lovecrafts. Der Ctulhu-Mythos, seine Briefe und Gedichte werden nicht rezensiert.

Lovecrafts Kurzgeschichten sind am ehesten mit denen Poes zu vergleichen. Der Schreibstil ist etwas komplexer, und der Handlungsverlauf folgt meistens einem Schema: Eine recht plausible Handlung wird, erst durch kleine, dann durch sich immer stärker aufdrängende Details unrealistisch. Der Protagonist verfällt in der Regel dem Wahnsinn, wobei dieser sich nicht in seinen Gedanken, sondern in seiner Umwelt abspielt. „Die Musik des Erich Zann“ ist ein gutes Beispiel für diesen Verlauf. Der Erzähler interessiert sich für die Musik eines sonderbaren Komponisten, Erich Zann. Dieser möchte ihm anfangs nichts vorspielen. Doch nach mehreren Anläufen bricht, im Zuge des Cellospiels Zanns, ein Sturm über den Protagonisten herein, der ihn aus dem zeitlichen und räumlichen Gefüge zu reissen droht.

Lovecraft ergiesst sich in den Beschreibungen vom zerbrechenden Raum und der Zeit, von unbekannten Mächten aus den Tiefen der Vergangenheit oder des Alls. So sind viele seiner Geschichten völlig anders als übliche Horrorerzählungen. Die Gefahr geht nicht von einem bekannten Wesen aus, sondern sie kommt immer aus einer unbekannten Welt. Wehren kann man sich gegen das eigene Schicksal so gut wie nie. Besonders deutlich wird das in der titelgebenden und letzten Geschichte „Die Farbe aus dem Raum“. Eine Familie in Boston wird Zeuge einer seltsamen Naturveränderung, die erst das Wasser und die Lebensmittel befällt und sich über den Boden bis zu den Menschen durchfrisst. Der Boden bekommt eine nicht greifbare Farbe, Die Pflanzen sterben und die Menschen verfallen Stück für Stück dem Wahnsinn. Diese Geschichte ist die stärkste der Sammlung und alleine schon den Kauf oder die Leihe wert.

„Der Aussenseiter“ und „In der Gruft“ zeichnen wiederum ein düsteres Bild von dem Autoren selbst, dessen Fremdenhass und Selbstzweifel krankhafte Züge getragen haben mussten. Hier sind es die Hauptcharaktere selbst, die so weit von der Gesellschaft entfernt sind, dass sie ihr wie Monster erscheinen.

Weitere Geschichten wiederum führen den Leser in merkwürdige Traumwelten ein, denen der Protagonist in der Regel schutzlos ausgeliefert ist. Der Schreibstil gerade dieser Berichte ist so dicht und dennoch unaufdringlich, dass man kaum von der Lektüre ablassen kann.

Nichtsdestotrotz fehlt vielen Geschichten der Biss, auch der klare Handlungsverlauf einer Geschichte Poes hätte so mancher Geschichte zur Perfektion verholfen. Lovecrafts Werk ist aber erschütternd, weil er es immer schafft, dem Leser angesichts des Unbekannten Angst einzuflössen. Sein schwerer, schon für seine Zeit altmodischer Schreibstil, seine elitäre Art und die mitunter sehr brutalen Handlungen sprechen eine völlig eigene Sprache, die man sich nicht entgehen lassen sollte. Im direkten Vergleich beider Autoren kann man sagen, dass Poe auf den ersten Blick gewinnt. Sein Werk ist deutlich besser zugänglich und hat immer eine klar verständliche Aussage. Doch wenn man ihn und andere Klassiker kennt, sollte man bereit sein, sich mit Lovecraft auseinanderzusetzen. Der Horror aus den Tiefen des Raumes und der Zeit ist an manchen Stellen so packend, dass man ihn noch für Monate in sich trägt.