Dr. Jekyll und Mr. Hyde

Originaltitel: Strange case of Dr Jekyll and Mr Hyde
Autor: Robert Louis Stevenson
Genre: Thriller/Horror
Umfang: 104 Seiten
Veröffentlichung: 1886; 4.10.2010 (Fischer Verlag)
Verlag: Fischer Verlag

Das Doppelgängermotiv in Filmen wie „Fight Club“ oder „American Psycho“ hat seine literarischen Wurzeln in Robert Louis Stevensons Novelle Dr. Jekyll und Mr. Hyde. Die Geschichte einer sauber gespaltenen Persönlichkeit ist zwar nicht realistisch, funktioniert aber als künstlerischer Griff in allen genannten Kunstwerken.

Die Novelle ist kurz, ihr eigentlicher Inhalt fasst keine 100 Seiten und dennoch ist die Geschichte sehr spannend gestaltet worden. Das Geschehen wird aus der Sicht Mr. Uttersons geschildert, der dem immer merkwürdigeren Verhalten seines Freundes Dr. Jekyll auf den Grund gehen will. Dieser ist für seine Grosszügigkeit und sein soziales Engagement bekannt, aber auch für die Beziehung zu dem Schläger und Mörder Mr. Hyde. Als er sich in seinem Haus einschliesst und die Dienerschaft Mr. Utterson verzweifelt um Hilfe bittet, gilt es, das Geheimnis um die beiden gegensätzlichen Charaktere zu lüften.

Erst in der Dritten Person, im letzten Drittel als Brief geschrieben, beleuchtet die Novelle das Drama um Jekyll und Hyde nie aus nächster Nähe. Das Aussehen Hydes wird nicht vollständig erläutert, die Verwandlung des einen Charakters in den anderen nur als Erfahrungsbericht dargestellt. Der Leser wird durchgehend von Hyde ferngehalten. Die Geschichte dreht sich um einen Edelmann im viktorianischen England, der seinen gesellschaftlichen Zwängen nicht standhält und seiner triebgesteuerten, sündigen Seite nachgibt. Anders als in „Das Bildnis des Dorian Gray“ wird das Treiben des bösen Charakters kaum dargestellt.

So hat der Leser mehr Raum zur Fantasie, ist jedoch auch enttäuscht, mit teilweise sehr knappen Beschreibungen abgespeist zu werden. Während die anderen großen Schauerromane des 19. Jahrhunderts lange und recht detailliert waren, existiert bei Dr. Jekyll und Mr. Hyde nicht viel mehr als die Idee. Sowohl die Freunde Jekylls, die hinter sein Geheimnis kommen, als auch die Nebencharaktere bleiben durchgehend blass. Die Kritik an der viktorianischen Gesellschaft ist dünn, daher ist die Lektüre von „Das Bildnis des Dorian Gray“ für interessierte Leser unerlässlich. Somit ist es nicht verwunderlich, dass die Nachahmungen und Interpretationen mit dem Doppelgängermotiv zum Thema teilweise bekannter sind als ihr Ursprungswerk.

Dennoch bietet sich dem Leser hier ein großartiger Thriller, der immer noch ein paar gruselige und viele spannende Passagen bereithält. Der knappe und einfache Schreibstil, wie man ihn nicht nur hier sondern auch bei anderen Briten findet (Mary Shelley, Oscar Wilde, …), ist nicht überholt und immer noch sehr leicht lesbar.

Ich kann Lesern mit einem Hang zum 19. Jahrhundert oder dem Interesse für das Doppelgängermotiv Dr. Jekyll und Mr. Hyde empfehlen. Zur Pflichtlektüre zählt die Novelle meiner Meinung nach aber nicht. Zu kurz wird das Geschehene beschrieben, es gibt zu wenige spannende Passagen und die Handlung geht ohne große Wendung vorbei. Teilweise liest die Novelle sich wie ein Essay. Dann vermisst der Leser die Seele einer langen, gruseligen Horrorgeschichte, die hier nicht gespalten, sondern radikal gekürzt und auf das Nötigste reduziert wurde. Mehr wäre hier ausnahmsweise wirklich mehr gewesen.

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