Evil

Originaltitel: The Girl Next Door
Autor: Jack Ketchum
Genre: Horrorthriller / Terror
Umfang: 336 Seiten
Veröffentlichung: 2006
Verlag: Heyne Hardcore

Evil gilt als Klassiker der extremen Horrorliteratur. Das sehr schöne Vorwort von Stephen King unterstreicht nicht nur die Qualität des Buches, sondern verwundert auch. Denn während Stephen Kings Bücher eher ruhig und subtil sind, zeichnet sich Jack Ketchum durch sehr brutale Splattereinlagen aus. Dieser Roman gilt zwar als Horrorthriller, gleicht über lange Phasen aber einem Terrorfilm wie „Texas Chainsaw Massacre“, ist bloß realistischer. Beim Lesen erkennt man aber die Parallele zwischen dem Altmeister King und Ketchum: Beide haben einen deutlich besseren Schreibstil als die meisten ihrer Kollegen und verfassen einen anspruchsvollen, psychologischen Horror.

Die Handlung ist schnell erzählt: Ein Junge lernt ein Mädchen in seiner Nachbarschaft kennen, die bei ihrer Pflegefamilie wohnt. Es häufen sich aber Misshandlungen gegen sie, die von ihrer Ziehmutter ausgehen. Schnell eskaliert die Gewalt, als die Mutter und einige pubertierende Jungs anfangen, das Mädchen zu foltern.

Für komplexe, wendungsreiche Handlungen war Ketchum noch nie bekannt. Die Spannung entsteht durch die Interaktion der Charaktere miteinander, wie ein Amazon-Kritiker treffend bemerkte. Der Junge, die sadistische Mutter und die anderen Jungs kreisen in einem angespannten Verhältnis umeinander. Als die Folter beginnt merkt er, dass etwas Unrechtes geschieht – bloß sind es seine Nachbarn und Freunde, die dieses verüben.

Schnell wird aus der leichten Schikane echte Gewalt. Das Geschehen findet zum Großteil in dem kleinen Vorort statt. Irgendwann reihen sich Folterszenen pausenlos aneinander. Dass Ketchum es schafft, den simplen Handlungsverlauf über mehr als dreihundert Seiten spannend zu halten, ist beachtlich. Ich las das Buch an einem Tag, es einmal aus der Hand zu legen, war nicht möglich.

Sicherlich sollten Horrorliebhaber wissen, worauf sie sich beim Kauf eines solchen Buches einlassen. Die drastische Covergestaltung und die Einteilung in den Hardcore-Bereich von Heyne sprechen für sich. Dennoch ist dieses Buch verglichen mit ähnlichen Romanen besonders brutal. Der Vorteil der Horrorliteratur ist, dass sie an keine Hollywoodnorm, an keine Altersfreigabe gebunden ist. Das sollte man aber auch im Hinterkopf behalten, wenn man dieses Werk lesen will: Es gibt keine Gnade. Auch die Unschuldigen sterben, der Mensch selbst steht bei Ketchum in der Kritik. Das eigentliche Thema des Buches ist Zivilcourage. Die zeigt nämlich keiner der Jungs, obwohl einige von ihnen vermeintlich gut sind. Und deswegen landet das Mädchen im Folterkeller. Anders als die Massen von Krimis und Psychothrillern, die dem Leser eine Hoffnung, eine große Wendung und den Kampf des Bösen gegen das Gute präsentieren, bleibt Ketchum schlichtweg pessimistisch.

Ohne die Bereitschaft, sich ellenlange Folterszenen anzutun und einen immer heftiger werdenden Strudel der Gewalt zu beobachten, kann man dieses Buch nicht lesen. Die Gewalt wird nicht zum Selbstzweck, Ketchum regt den Leser zum Nachdenken an und schafft es, eine simple Rahmenhandlung deutlich anspruchsvoller zu gestalten als viele andere Horrorautoren. Dennoch muss man ein dickes Fell beim Lesen mitbringen, sonst ist Evil zu anstrengend. Wer sich aber überwindet, erlebt einen großartig geschriebenen, gesellschaftskritischen Roman von einem der besten zeitgenössischen Horrorschriftsteller.

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