Germanische Göttersagen

Originaltitel: Germanische Göttersagen
Autor: Reiner Tetzner
Genre: Mythologie
Umfang: 211 Seiten
Veröffentlichung: 1992
Verlag: Reclam Universal-Bibliothek

Die Germanischen Göttersagen werden oftmals in unterschiedlichen Ausgaben der Edda gesammelt. Mal als Gesänge, dem Original nahe, dann wieder in Prosa erzählen sie von den alten Göttern, an die man im vorchristlichen Europa glaubte. Aufgrund ihres hohen Unterhaltungsfaktors kann man sie auch als Mysterie-Romane lesen, bloß reizt der Umstand, dass diese Geschichten uralt sind und wohl von tausenden Germanen weitererzählt, verändert und gesungen wurden, bevor man sie niederschrieb.

Am besten eignet sich die Reclam-Ausgabe zum Einstieg, die in Prosaform viele der alten Geschichten erzählt. Sie enthält völlig andere Geschichten als andere Fassungen der Edda, die sich aus vorrangig isländischen, aber auch mitteleuropäischen Geschichten speist und daher sehr wandelbar ist. Ich persönlich habe drei Formen der Edda, die aber alle völlig Unterschiedliches erzählen. Gleich ist nur der Rahmen: Neben der hiesigen Welt, Midgard, stehen Udgard und Asgard (der Aussengarten), in dem die Götter leben. Thor bekam erst kürzlich einen Auftritt in einer zweiteiligen Hollywood-Reihe. Sein eigentlicher Ursprung ist ein anderer. Er lebt in Asgard und kämpft in dieser Welt nicht nur gegen Riesen und böse Gegenspieler, sondern auch um Frauen, Status, gutes Essen, Alkohol… Er steht im ambivalenten Verhältnis zu Odin, seinem Vater. Dieser ist der Walvater (Allvater), hat vor langer Zeit ein Auge geopfert, um zur Weisheit zu kommen und achtet auf die Ordnung der drei Welten.

Oft genug geht es dabei jedoch um Alkohol, Frauen, Männlichkeit und proletenhafte Kämpfe. Die kleinste Kritik mündet in einem tödlichen Zweikampf – besonders vernünftig scheinen unsere Vorfahren nicht gewesen zu sein.
Auf der anderen Seite gibt es auch schöne Momente. Die Weltentstehung wird genauestens beschrieben, bald auch der Bau von Walhall, dem Rastort gefallener Krieger. Anders als in der Bibel wird hier kein Anspruch darauf erhoben, nach dem Tod in eine bessere Welt zu kommen. Leben bedeutet Kampf und Leid, aber auch Spass, Gemeinschaft und Ehre. Dass in Udgard gemeine Riesen leben, die sich an Menschen und Göttern vergreifen, wird toleriert. Man lebt im Stillstand und hat keine Ambitionen, aus diesem zu entkommen. Thors böser Halbbruder Loki ermordet scheinbar willkürlich gute Götter wie Baldr, doch hält er damit die Welt auch im Gleichgewicht.

Besonders tief oder nachdenklich ist diese germanische Welt nicht. Sie zeugt aber von einer grundsätzlichen Zufriedenheit, die unsere Vorfahren erfüllt haben muss. Das Leben kann völlig spontan zu Ende gehen, die Gefahr lauert überall. Doch es gilt auch, dieses eine kurze Leben zu genießen.

Die vielen kurzen Geschichten geben dem Leser ein gutes Bild von der Vorstellungswelt der alten Germanen. Sie sind kurzweilig, seltsam spannend und brutal. Zum Einstieg ist dieses Werk perfekt. Wer aber tiefer gehen will, dem sei die „Germanische Mythologie“ von Wolfgang Golther geraten, der die gesamte Geisteswelt der Germanen umreissen will. Fans von Lyrik können „Edda“-Ausgaben wie die von Felix Gemzner suchen, diese bewegen sich viel näher am Original.

Spannend, witzig, mystisch und brutal – die Eddageschichten haben auch Jahrtausende nach ihrer Entstehung nichts von ihrem Reiz verloren. Und bevor man in die großen Welten eines „Herr der Ringe“ oder „Game of Thrones“ eintauchen möchte, kann man getrost vorher die Urfassung lesen.

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