Straight White Male

Originaltitel: Straight White Male
Autor: John Niven
Genre: Drama
Umfang: 384 Seiten
Veröffentlichung: 20.01.2014
Verlag: Heyne Hardcore

Einem dauerbetrunkenen und sexbesessenen Autoren droht die Pleite. Kennedy Marr, der Protagonist in Nivens neuestem Roman, versteht sich und die Welt nicht mehr, als das Finanzamt mehrere Millionen Dollar von ihm einfordert. Um seinen dekadenten Lebensstil aus teuren Restaurants, Alkohol und unzähligen Eskapaden aufrecht erhalten zu können, nimmt er das Jobangebot einer englischen Eliteuniversität an. Doch seinen Studenten ein Vorbild zu sein ist nicht einfach, vor allem, wenn die Exfrau, hübsche Studentinnen und eine Menge Drogen den Dozenten von der Arbeit abhalten…

Der zynische und makabere Roman Straight White Male hangelt sich von einem Drama ins nächste. Keine Seite vergeht, auf der kein Sex, Drogenmissbrauch, keine Beschimpfungen oder Schlägereien beschrieben werden. Marr versteht es, sein eigenes Leben zu einem Schlachtfeld zu machen, sich durch den eigenen Selbsthass in den Mittelpunkt zu drängen. Zwar werden hier, anders als in den meisten Heyne Hardcore-Romanen, keine Leute getötet. Aber sowohl Sex, Drogenmissbrauch und Prügeleien werden so unverblümt und sarkastisch dargestellt, dass es eine Freude ist, weiterzulesen.

Der ältere „Glamorama“ von Bret Easton Ellis (Autor des Romans „American Psycho“) hat es schon versucht, scheiterte aber meiner Meinung nach daran, die High Society von L.A. aufs Korn zu nehmen. Niven obsiegt hier: Wie ein Maschinengewehr verschiesst er hier böse Anspielungen und gemeine Seitenhiebe auf die Welt der reichen Amerikaner im Showgeschäft. Kein Satz ist unbrauchbar, kaum ein Wort hätte ausgelassen werden können. Die profitorientierte Welt in Kalifornien, deren Anhänger sich nur durch Statussymbole und Macht definieren, wird dem Leser aufgetischt und in wenigen Zeilen zerstampft. Aber auch Kennedys unfreiwilliger Ausbruch aus dieser Welt leistet keine Abhilfe; im ländlichen England wollen verbohrte Eliten seinen Sturz – es folgt die nächste Schlägerei. Seinen Berufspartnern begegnet er nur noch im Vollrausch, einer verwöhnten Schauspielgöre rät er wütend zum Suizid und schüchtert sie so weit ein, dass sie sich ihre Autorität im Bett wiedererlangen muss.

Immer mehr identifiziert sich der Leser mit dem Protagonisten, der eigentlich unsympathisch sein müsste. Der Drang, selbst alles tun und lassen zu können, und vor allem der Welt die kalte Schulter zu zeigen, überschlägt sich. Doch der Zerstörungsdrang nach aussen und vor allem nach innen verdeckt tiefere Probleme. Zunehmend zeigen sich bei Kennedy Schuldgefühle und Ängste. Die Frage, ob er sich ihnen stellt – ob der das überhaupt will – treibt den Roman weiter. Zum Finale wird es spannend. Kastration, Selbstmord, Läuterung; viel steht für den Protagonisten offen, aber es wird sich auf jeden Fall etwas ändern.

Der Roman, der von einem tiefschwarzen Satirewerk zu einem sarkastischen Drama wird, in dem sowohl die bösen als auch die traurigen Sätze nebeneinanderstehen, gewinnt dadurch die nötige Auffahrt. Und es ist ein starkes Buch, über bedeutungslosen Sex und viel Alkohol, teures Essen und eine billige Gesellschaft. Und vor allem über die wirklichen Probleme, die man mit dem endlosen Rausch erfolglos zu unterdrücken versucht. Von mir eine klare Leseempfehlung!

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