31. Oktober 2019 von in ,

Halloween-Special: Die Nachtmahr und der Nachtalp

Erneut jährt sich eines der schaurigsten Feste Deutschlands: Halloween. Neben der Walpurgisnacht sind das Zusätze zur Sommer- und Wintersonnenwende, bei denen der Übergang in eine neue Jahreszeit gefeiert wird. Wie wir im letzten Jahr erfahren haben, ging es bei diesen Festen darum, sich auf kommende Schrecken vorzubereiten. Vorsorglich wollte man Geister fernhalten, vor denen man sich besonders im Winter fürchtete. Doch wie hat man sich diese Geister vorzustellen? Wie wurden sie genannt?

Foto © Manfred Herrmann / Adobe Stock / 181229106

Es erscheint seltsam, dass wir für einen schlechten Traum und sogar den Schrecken, der uns manchmal während unseres Schlafs widerfährt, nur ein sehr unübliches Wort kennen. „Alb-Träume“ jagen uns uns gelegentlich. Träume einer Alb? Den englischsprachigen Leidensgenossen geht es in dieser Hinsicht nicht besser – sie plagen „Nightmares“, also übersetzt Nachtmahren. Träume sind bekannt als Erscheinungen, die wir während unseres Schlafes haben. Doch wer sind diese Biester, die eben die Erscheinungen so fürchterlich machen?

Wir reden, so der Germanenforscher Wolfgang Golther, von den „quälenden Druckgeistern“, den „ersten übermenschlichen Wesen, deren Dasein der Mensch glaubte und fürchtete.“ Es sind Geistererscheinungen, die seit urgermanischer Zeit von Irland bis Russland und vom Nordkap bis an die Alpen die Runde machten. Besonders im skandinavischen Raum gab es Legenden von kleinen Wesen, die nachts durch Schlüssel- und Astlöcher krochen und schlafende Menschen „drückten“ oder „ritten“. Heute spricht man noch davon, dass jemand „vom Teufel geritten“ wird. Das war in vorchristlicher Zeit kein Teufel. Es war eine Mar.

Je nach Opfer waren die Maren männlich oder weiblich. Sie drängten sich den Menschen auf, um sich selbst zu „erleichtern“. Manchmal waren es eben nicht nur erschreckende Erscheinungen, sondern auch sexuelle Erlebnisse, die man im Schlaf von den Maren auferlegt bekam. Die Maren waren dabei nicht unbedingt wählerisch, auch Tiere wie Kühe wurden von ihnen befallen. Wenn kein Lebewesen in Reichweite war, machten sich die Maren einfach an Bäumen und Steinen zu schaffen.

Kamen sie, so krochen sie jemandem „von unten bis in den Hals“ — unangenehm! Man erkannte die Maren dann in der Gestalt, die sie gerne annehmen wollten. Mal als Katzen, Hunde, „Scheusale“ oder als Bekannte des Befallenen, seien es tote oder lebendige. Ob sexuell, tödlich, grausig oder einfach nur verwirrend, die Begegnung mit einer Mar war immer besonders seltsam, ließ Pferde schnaubend, Bäume mit dünnen Ästen und Menschen zumindest erschöpft – und mit Zöpfen – zurück.

Ölgemälde „Nachtmahr“ („The Nightmare“) von Johann Heinrich Füssli aus den Jahren 1790/1791
Henry Fuseli [Public domain], via Wikimedia Commons

Und wer waren diese Maren? Interessanterweise waren es Menschen aus unserer Mitte, manchmal sogar Götter. So wird Odin bezichtigt, sich gerne verkleidet und als Mar gereist zu sein:

„Wollte Odin seine Gestalt wechseln, dann lag sein Körper wie schlafend oder tot da, er selbst aber war ein Vogel, ein wildes Tier, ein Fisch oder eine Schlange. Er konnte in einem Augenblick in ferne Länder fahren in seinen oder anderer Angelegenheiten.“

– Heimskringla, Kap. 7 (Snorri)

Doch meistens waren es einfach Menschen aus der Umgebung der Opfer – Frauen beispielsweise, die nach Absprache gleichzeitig einschliefen, den Kopf auf einem Tisch ruhend. Sie hatten den Mund beim Schlafen geöffnet, und plötzlich rannten ihre „hurgl“ (eine komplexere Form der Seele, die auch Gedanken und aktuelle Wünsche des Traumgastes umfasst) in Gestalt von Mäusen aus den Mündern heraus.

Je nach Legende gab es verschiedene Wege, einem Maren zuzusetzen. Beispielsweise wenn man ihren Eingang verstopfte, mussten sie so lange in seiner wahren, nackten Gestalt bei dem erwachten Opfer warten, bis der Gang wieder befreit wurde. Oder wenn man die schlafenden Maren, die als Mäuse entrannt waren, beim Namen rief. Dann blieben unsere zwei Frauen einfach tot liegen, während ihre Seelen in Mäusekörpern gefangen waren.

Maren, die man später in Deutschland Alb nannte und heute mit „Geist“, aber auch mit Sukkubus (weiblich) und Inkubus (männlich) bezeichnet, gehören zu den frühesten Geister- und Seelenbeschreibungen Europas und Westasiens. Die Legenden über sie sind, wie Samhain, ein Versuch, drohende Gefahren und nicht erklärbare Schrecken erfahrbar zu machen. Jedes Jahr naht der unwirtliche Winter, jede Nacht kann man von einem bösen Traum verfolgt werden. Doch das erscheint viel weniger gefährlich, wenn man einen kleinen Geist dafür verantwortlich machen kann.

Wir wünschen Euch ein schönes Halloween und möglichst wenige Begegnungen mit den Nachtmahren!

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